Die "Scuola Dalmata" in Venedig

 Der Guardian Grando der Scuola Dalmata

Der Guardian Grando der Scuola Dalmata

Meine persönliche Vorgehensweise ist eher die eines Straßenjungen, weil ich während der Fototouren, genauso wie in meiner eigenen Freizeit, immer nach dem lebendigen Venedig suche, das heute noch existiert und dem Wandel der Zeit widersteht.

Ich liebe das Lernen und  Entdecken und wurde oft überrascht, als ich meine Nase einfach in Orte reingesteckt habe, an denen ich so oft vorbeigegangen bin ohne anzuhalten oder als ich bei jemandem geklingelt habe, von dem ich wusste, dass er eine interessante Geschichte erzählen konnte. Ein Beispiel dafür ist die „Scuola Dalmata“, ein regelrechter Schatz, an dem ich fast jeden Tag vorbeiging, aber nie betreten hatte. Venezianer hatten seit den ältesten Zeiten Handelsbeziehungen mit den Dalmatinern, auf der anderen Seite des Adriatischen Meeres.

Ab 1409 gelangten alle dalmatinischen Küstenregionen unter venezianische Herrschaft. Die dalmatinischen Bürger versammelten sich und ersuchten am 19. März 1451 die venezianischen Behörden um die Genehmigung eine Brüderschaft zu gründen, damit alle Angehörigen ihrer Gemeinde unterstützt und geschützt werden konnten.

Das Anliegen der Dalmatiner bestand vor allem darin, die Matrosen, Soldaten und Migranten zu unterstützen, die, weit entfernt von ihrer Heimat, in Schwierigkeiten geraten konnten. 

Inscription-on-the-window.jpg

Viele Dalmatiner arbeiteten lebenslang für Venedig, hatten aber im Krankheits- oder Todesfall kein Anrecht auf Versorgungsleistungen und Beihilfen. In diesem Sinne gründeten die Dalmatiner vor rund sechs Jahrhunderten diese wunderschöne Scuola, unwissend darüber, dass dieselbe Institution, für die sie um Genehmigung ansuchten, den Fall der Republik Venedig überleben würde.

Interessant ist dabei, dass wenige Tage nachdem der Rat der Zehn die Scuola anerkannt hatte, am 30. Mai 1451, die Dalmatiner mit Prior Lorenzo Marcello des Souveränen Malteserordens vereinbarten, dass die Brüderschaft einige Räume des Sankt-Katharinen-Hospitals nutzen konnte, um einen Altar in der Kirche San Giovanni del Tempio errichten zu können.

Dieser Name ist auch heute noch auf einem steinernen Architrav der Fassade der Scuola sichtbar und stammt vom Templerorden, der im Jahr 1312 aufgelöst wurde und dessen materieller Besitz  auch in Venedig dem Malteserorden übergeben wurde. Im Gegenteil zu den anderen Brüderschaften Venedigs, steht die Scuola Dalmata unter dem Schutz von sogar drei Heiligen: der Heilige Georg, der Heilige Tryphon und der Heilige Hieronymus. Am Anfang des 16. Jahrhunderts errichteten die Dalmatiner mit ihren eigenen Mitteln die heutige Scuola, bereicherten sie mit den Gemälden von Vittore Carpaccio und schmückten sie mit einer Fassade, die, dem  architektonischen Modell von Jacopo Sansovino nach, von Giovanni De Zan geplant wurde.

 Das Flachrelief an der Haupttür

Das Flachrelief an der Haupttür

Bevor Sie in die Kirche hineintreten, können Sie über dem Eingangstor ein Relief entdecken, das die Heilige Jungfrau Maria auf dem Thron zwischen dem Heiligen Johannes und der Heiligen Katharina darstellt und immer noch Spuren der Originalfarben aufweist, die fast vollkommen verloren gegangen sind. Unter diesem Relief von Pietro da Salò, Anhänger von Jacopo Sansovino, kann man den Heiligen Georg entdecken, der den Drachen tötet. Ich überlasse aber die Schilderung von Vittore Carpaccios Gemäldezyklus denjenigen, die sich besser auskennen und erzähle Ihnen lieber von meinen eigenen Entdeckungen als Fotodetektiv.

 Das Weihwasserbecken

Das Weihwasserbecken

Ein sehr interessantes Detail ist das Weihwasserbecken, das sich am Ende des ebenerdigen Saals befindet, kurz bevor man die Treppen zum ersten Stock hinaufsteigt. Das Becken wurde von anonymer Hand dorthin gestellt, war aber nicht immer am selben Platz. Ganz im Gegenteil, das Becken stammt eigentlich von einem sehr bekannten venezianischen Ort, den ich aber jetzt nicht verraten möchte.

Napoleons Beutezüge ließen auch die Scuola nicht ungeschoren davonkommen.  In einem Schaukasten, der sich ebenerdig auf der rechten Seite des Saales befindet, kann man all die Überreste des Schatzes der Scuola Dalmata bewundern.

 Das goldene Kreuz

Das goldene Kreuz

Im ersten Stock können Sie das Banner der Scuola betrachten, das einzig den Heiligen Georg darstellt.

Und nun zu dem was mich immer am meisten fasziniert hat: das Erkennen der Spuren der Vergangenheit, die heute lebendigen Zeichen der Geschichte. Ich stelle Ihnen also den Guardian Grando („der Große Wächter“) der Scuola Dalmata vor, mit seinem Umhang und den Schlüsseln der Scuola. Ein äußerst freundlicher und belesener Mensch, bei dem ich mich immer noch dafür bedanke, mir geduldig all den Ruhm und die Missgeschicke dieses außerordentlichen Ortes Venedigs geschildert und seine Erzählung mit Einzelheiten bereichert zu haben, die ich sonst nirgendwo hätte finden können.

 Fotos vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts

Fotos vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts

Und zu allerletzt: vor der Scuola befindet sich heute die Brücke „Ponte della Commenda“, die in bedeutend jüngeren Zeiten, im Jahr 1909, erbaut wurde. Anhand dieses alten Fotos können Sie sehen, dass hier vor der Errichtung der Brücke, zwei Marmorsäulen standen, die der neuen Brücke weichen mussten. Sollten Sie Lust auf eine Schatzjagd haben, treten Sie in die Scuola hinein und sehen Sie sich genau um. Eine der Marmorsäulen befindet sich immer noch hier!