Die "Reméri" in Venedig

Sie üben Tag für Tag eine uralte Kunst aus, die von vielen erfolglos nachgeahmt wurde.

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Das gleiche gilt für all die Handwerker, die die einzelnen Teile produzieren, wie zum Beispiel die „forcola“, die Rudergabel, die mit ihrer abstrakten Form den Skulpturen von Arp und Brancusi um sechs oder sieben Jahrhunderte zuvorkam. 

„Ein starkes und realistisches Portrait, das uns die Gondel so zeigt, wie sie ist, mit ihrer anscheinend unwahrscheinlichen Struktur, ein Meisterwerk des nautischen Ingenieurswesen, das der Logik und den Regeln lachend widersteht, eine extravagante Architektur, die mit ihrer faszinierenden materiellen Beschaffenheit aus vielen verschiedenen Holzarten, Eisen, Messing, Beizen und Stoffen für überraschende Agilität und Mobilität sorgt. Ebenfalls faszinierend ist das Abenteuer der Menschen, die sie bauen, die „maestri squerariòli“(die Meister der Schiffswerften). Sie üben Tag für Tag eine uralte Kunst aus, die von vielen erfolglos nachgeahmt wurde. Das gleiche gilt für all die Handwerker, die die einzelnen Teile produzieren, wie zum Beispiel die „forcola“, die Rudergabel, die mit ihrer abstrakten Form den Skulpturen von Arp und Brancusi um sechs oder sieben Jahrhunderte zuvorkam.  Das Spiel von Druck und Beugungen auf der Gabel gibt der Gondel in ihren wechselhaften Bewegungen eine Vielseitigkeit, die kein anderes Wasserfahrzeug besitzt.“ So schreibt Professor Alvise Zorzi in der Einleitung zu meinem Buch „Gondole“, das 2009 von Biblos herausgegeben wurde.

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Wer sind diese remèri?

Sie sind Zimmermänner, die sich auf die Herstellung von Rudern und Rudergabeln, die zwei wichtigsten Elemente auf denen das dynamische Gleichgewicht der Gondel beruht, spezialisiert haben. Der Gondoliere hält seine Gondel mit dem Abwechseln der Ruderbewegungen, Antrieb des Buges nach links und  die rückwärtige Bewegung mit dem Riemen seitlich schräg im Wasser (im Venezianischen „prèmer e stalìr“), im Gleichgewicht. Die Form der Ruder und Rudergabeln entsteht aus der Beschaffenheit des benutzten Holzes: glatt die des Ruders, sehr plastisch die der Rudergabel. Mit einer Leica eine dieser vier venezianischen Werkstätten zu besuchen, bedeutet wahrlich einen Sprung in die Vergangenheit zu machen und die Geschichte und Kunstfertigkeit dieses so alten Handwerks, das so stark mit der aquatischen Dimension der Lagunenstadt verknüpft ist, hautnah zu erleben. Eine erste Kerngruppe von Normen (die sogenannte „Mariégola“), die dieses Handwerk regeln sollten, wurde schon am 15. September 1307, vor 709 Jahren, offiziell festgelegt.

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Die vier heute tätigen Handwerker sind alle mit dem großen Meister Giuseppe Carli verbunden, der in seinem Atelier neben dem Markusplatz Gehhilfen wie Saverio Pastor und Paolo Brandolisio ausbildete. Pastor hat heute seine eigene Werkstatt in der Fondamenta Soranzo della Fornace, Brandolisio übernahm 1987 die Werkstatt seines Meisters. Die anderen zwei Handwerker, Franco Furlanetto und Piero Dri, wurden von Pastor und Brandolisio ausgebildet. Piero Dri war auch eine Zeitlang bei Franco Furlanetto in der Lehre. Auf Seite 225 des Buches „L’arte dei Remèri”, erzählt Saverio Pastor, dass Giuseppe Carli, als Nachfolger seines früh verstorbenen Vaters Giovanni, die Werkstatt mit großem Erfolg übernahm, wichtige Aufträge von der Militärmarine, Fährmännern und Gondelinhabern bekam.

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Nach dem Tod des Bruders im Jahr 1950 und der Verbreitung der motorisierten Wasserfahrzeuge, musste sich Giuseppe Carli entscheiden, ob er die Werkstatt schließen oder alleine weiterführen sollte. Dank seiner Kunstfertigkeit und seiner technischen Perfektion, führte Giuseppe die Werkstatt nicht nur weiter, sondern wurde innerhalb kurzer Zeit der beliebteste Zimmermann der Regatten- und Gondelführer, da die Verbreitung der Motorboote einerseits sicherlich weniger Aufträge, aber andererseits auch weniger Konkurrenten zur Folge hatte.

Carli hatte sogar die gute Intuition, die Rudergabel zur Skulptur zu machen, indem er sie alleinstehend auf einem Holzsockel ausstellte und von Kunstkritikern mit mehreren Ausstellungen in Venedig, Lausanne, Florenz und den USA gewürdigt wurde. Außerdem stieg die Nachfrage nach Rudern und Rudergabeln sehr stark, als sich 1975 die Vogalonga etablierte. Die Vogalonga, ein Ruderwettkampf, der zwischen Ende Mai und Anfang Juni stattfindet, erfordert jährlich zahlreiche neue Aufträge. 1987 überließ Giuseppe seinem letzten Lehrling, Paolo Brandolisio, die Werkstatt, die heute noch respektvoll mit beiden Namen beschildert ist. Seit kurzem habe ich entdeckt, dass Carli eine unvollendete Rudergabel in seinem Atelier hinterließ. Zwischen einer Fotoreportage und den Dreharbeiten der Fernsehsender aus aller Welt, die ihn immer öfter aufsuchten, arbeitete er an seiner letzten „forcola“, die heute immer noch am gleichen Platz steht, ein Zeugnis der Vergangenheit und der Zukunft.

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